Das Bindungshormon, das spaltet
- Diana Resch

- 24. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Oxytocin gilt als das Hormon der Menschlichkeit. Es wird ausgeschüttet bei körperlicher Nähe, beim Stillen, beim Verlieben, beim Händedruck unter Fremden. Es fördert Vertrauen, Empathie, Großzügigkeit. Es ist das molekulare Fundament von Bindung.
Klingt gut. Zu gut, wie sich herausstellt.
Denn Oxytocin hat eine Seite, über die in populären Darstellungen fast nie gesprochen wird. Und diese Seite erklärt einige der hartnäckigsten und zerstörerischsten Dynamiken in Teams, Organisationen und Gesellschaften.
Die freundliche Geschichte
Zunächst zum, was stimmt. Oxytocin ist ein Neuropeptid, das im Hypothalamus produziert und über die Hirnanhangdrüse ausgeschüttet wird. Es moduliert soziale Bindung, Stressreaktion und Vertrauen. Studien zeigen, dass Menschen, denen Oxytocin nasal verabreicht wird, anderen gegenüber großzügiger sind, schneller Vertrauen aufbauen und sozialen Austausch als angenehmer empfinden.
Der Psychologe Paul Zak, der das Hormon intensiv erforscht hat, nannte es das "Moral Molecule", das moralische Molekül. Das Bild ist eingängig. Und wie gesagt: zur Hälfte korrekt.
Was die andere Hälfte zeigt
Carsten de Dreu von der Universität Amsterdam hat in einer Reihe von Experimenten untersucht, was Oxytocin genau tut, wenn man genauer hinschaut. Sein Befund: Oxytocin stärkt die Bindung an die eigene Gruppe. Und es erhöht gleichzeitig die Feindseligkeit gegenüber Außenstehenden.
In einem Experiment spielten Versuchspersonen ein Kooperationsspiel. Eine Gruppe erhielt nasales Oxytocin, die andere ein Placebo. Innerhalb der eigenen Gruppe verhielten sich die Oxytocin-Probanden kooperativer und großzügiger. Gegenüber Mitgliedern einer anderen Gruppe waren sie misstrauischer, weniger kooperativ und bereiter, die Fremdgruppe zu benachteiligen.
Oxytocin macht Menschen nicht generell liebevoller. Es macht sie stammesloyal.
Das Tribalismus-Molekül
Das ist ein fundamentaler Unterschied. Ein Molekül, das universelle Empathie fördert, wäre etwas anderes als eines, das die eigene Gruppe bevorzugt und andere abwertet. Oxytocin tut Letzteres.
De Dreus Interpretation ist evolutionär plausibel: In einer Welt, in der Gruppen miteinander um Ressourcen konkurrieren, ist innere Kohäsion überlebenswichtig. Das Gehirn hat ein System entwickelt, das beides gleichzeitig optimiert: das Innen stärken und das Außen auf Abstand halten. Ein Hormon, zwei Wirkungen.
Das nennt er den "tend and defend"-Mechanismus: füreinander eintreten und gegen andere verteidigen. Beide Impulse kommen aus derselben neurochemischen Quelle.
Was das in Organisationen bedeutet
Teams, die sehr eng zusammenarbeiten und stark miteinander verbunden sind, produzieren Oxytocin. Das ist gut für die interne Kohäsion. Es ist potenziell schlecht für alles, was außerhalb der Gruppe liegt.
Das erklärt eine Reihe von Phänomenen, die im Führungsalltag bekannt sind, aber selten biologisch eingeordnet werden:
Abteilungssilos entstehen nicht nur aus schlechter Kommunikation oder fehlenden Prozessen. Sie entstehen auch daraus, dass enge Teams neurochemisch dazu neigen, sich gegen außen abzuschließen. "Wir gegen die anderen" ist kein Denkfehler. Es ist ein Hormonsignal.
Gruppendenken ist zum Teil eine Oxytocin-Dynamik. Je stärker die Bindung innerhalb einer Gruppe, desto stärker der unbewusste Druck, abweichende Meinungen zu unterdrücken und externe Perspektiven abzuwehren.
Bevorzugung von In-Group-Mitgliedern bei Entscheidungen, bei Ressourcenverteilung, bei Bewerbungen, bei informellen Netzwerken, hat eine neurochemische Komponente. Es ist nicht nur Absicht, es ist auch Automatismus.
Die Loyalität, die blind macht
Das Beunruhigendste an der Oxytocin-Logik ist, dass sie sich gut anfühlt. Stammesloyalität fühlt sich wie Treue an. Misstrauen gegenüber Außenstehenden fühlt sich wie gesunder Instinkt an. Das Schützen der eigenen Gruppe fühlt sich wie Verantwortung an.
Keine dieser Empfindungen ist gelogen. Aber sie erzählen nur die halbe Geschichte. Was als Zusammenhalt erlebt wird, kann gleichzeitig Ausgrenzung sein. Was als Loyalität gilt, kann Scheuklappen erzeugen. Was als Vertrauen innerhalb der Gruppe wächst, wächst auf Kosten des Vertrauens nach außen.
Was das für Führungskräfte bedeutet
Teambindung und Offenheit stehen in Spannung. Wer ein sehr kohäsives Team baut, baut gleichzeitig an einer Grenze nach außen. Das ist kein Fehler, aber es ist ein Risiko, das aktiv gemanagt werden muss.
"Wir gegen die anderen"-Dynamiken sind nicht Charakter, sondern Chemie. Wenn Abteilungen oder Teams gegeneinander arbeiten, ist Appell an Vernunft und guten Willen oft nicht genug. Es braucht strukturelle Maßnahmen: gemeinsame Ziele, gemischte Projektteams, physische Berührungspunkte zwischen Gruppen.
Starke Gruppenidentität braucht bewusste Öffnung. Je stärker das "Wir"-Gefühl in einem Team, desto wichtiger ist es, regelmäßig Perspektiven von außen einzuholen und die eigene Blase aktiv zu hinterfragen. Nicht weil das Wir-Gefühl falsch ist, sondern weil es Neurochemie ist, die blinde Flecken produziert.
Oxytocin ist nicht gut oder böse. Es ist ein uralter Mechanismus für Gruppenüberleben. Das Problem ist, dass dieser Mechanismus in modernen Organisationen manchmal genau das erzeugt, was man eigentlich verhindern will: Abschottung, Misstrauen und das Vergessen, dass die Menschen auf der anderen Seite des Flurs genauso zur Organisation gehören wie die im eigenen Büro.
Quellen: De Dreu, C.K.W. et al. (2010). The Neuropeptide Oxytocin Regulates Parochial Altruism. Science. Zak, P.J. (2012). The Moral Molecule. Dutton.


